Radieschen in der Erde

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Ohne Stickstoff läuft in Ihrem Leben nichts. Denn jede Zelle Ihres Körpers braucht dieses Element in der passenden Form, um zu funktionieren und sich zu teilen. Eine wichtige Frage ist: Wie versorgen Sie sich mit Nachschub?

Was wir essen, entscheidet maßgeblich darüber, wie viel Stickstoff-Verbindungen durch unseren Lebenswandel in die Umwelt gelangen und dort Schaden anrichten können. Zeit, sich zu überlegen, wie wir unseren Stickstoff-Fußabdruck verringern.

Mehr Pflanzliches – weniger tierische Produkte

Wer seine Ernährung umstellt, verringert seinen Stickstoff-Fußabdruck spürbar. So wie der CO2-Fußabdruck ein Maß dafür ist, wie viele erderwärmende Treibhausgase jemand durch seinen Lebensstil pro Jahr in die Luft pustet, verrät der Stickstoff-Fußabdruck, wie viele Stickstoff-Verbindungen man freisetzt.

Wer seinen eigenen Fußabdruck abschätzen will, kann dafür „N Footprint“-Rechner nutzen. Die Datengrundlage für dieses neue Onlineangebot haben Forscherinnen und Forscher aus verschiedenen zusammengetragen, und zwar unter anderem für Dänemark, Portugal, die Ukraine und die USA. Deutschland ist aktuell leider nicht dabei. Aber wer den Rechner trotzdem mal testen will, kann für einen ersten Eindruck das EU-Nachbarland Dänemark anklicken und auf der Grundlage dänischer Daten den eigenen Fußabdruck berechnen.

Auf kleinem Fuß lebt, wer möglichst wenig tierische Produkte isst. Sich vegan oder vegetarisch zu ernähren, ist also auch im Hinblick auf die Stickstoffbelastung eine gute Idee. Denn beim Anbau von Futtermitteln und in der Tierhaltung wird die Umwelt unterm Strich im Vergleich deutlich mehr mit Stickstoff belastet als beim Anbau von pflanzlichen Produkten, die Menschen direkt essen.

Darum schadet Stickstoff im Überfluss

Die Menschheit überlastet den Stoffwechsel des Planeten mit zu viel „reaktivem“ Stickstoff. Darunter versteht man die Art von stickstoffhaltigen Stoffen, die von Lebewesen nutzbar sind oder chemisch mit ihrer Umwelt reagieren. N2, das stickstoffhaltige Gas, das den Großteil unserer Luft ausmacht, ist dagegen unreaktiv und trägt nicht zur globalen Überdosis bei. Diesen Vorrat zapft die Menschheit allerdings seit mehr als hundert Jahren in industriellem Stil an und bringt so mehr reaktiven Stickstoff neu in Umlauf als alle natürlichen Prozesse zusammen. Reaktiv sind zum Beispiel Ammoniak, Stickoxide, Lachgas, Nitrat oder Proteine.

Zu viel reaktiver Stickstoff im Umlauf

    • verschmutzt die Luft, belastet so die menschliche Gesundheit und lässt Menschen früher sterben
    • überdüngt Lebensräume und verringert die Artenvielfalt
    • erhöht die Dürreanfälligkeit von Bäumen
    • verschmutzt das Grundwasser und kann so die Trinkwassergewinnung teurer machen
    • überdüngt Gewässer und lässt in Folge Todeszonen ohne Sauerstoff entstehen
    • erwärmt auf mittlere Sicht die Erde
    • schädigt die Ozonschicht, die uns vor schädlicher UV-Strahlung der Sonne schützt

Planetenfreundlich essen verkleinert den Stickstoff-Fußabdruck

Es kommt auch eine flexitarische Ernährung in Frage: Studien zufolge müssen wir nicht komplett auf Fleisch, Eier und Milchprodukte verzichten, um alle Menschen auf der Erde nachhaltig und gesund satt zu bekommen. Eine Orientierung für eine planetenfreundliche und gesunde Ernährung, die die irdischen Ressourcen auch für künftige Generationen erhält, bietet die Planetary Health Diet. Derzufolge kann man pro Tag im Schnitt z. B. je knapp 30 Gramm Geflügel und Fisch und 14 Gramm rotes Fleisch essen. Dazu kommen u. a. Milchprodukte, die umgerechnet aus rund 250 Gramm Vollmilch hergestellt wurden.

Wer mit solchen Angaben pro Tag wenig anfangen kann: Für Fleisch und Fisch kann man als grobe Orientierung sagen: Wer in Summe weniger als 500 Gramm Fleisch und Fisch pro Woche isst und dabei auf Rind, Schwein und Lamm weitgehend verzichtet, ist laut dem Konzept der planetenfreundlichen Ernährung bereits auf einem ziemlich guten Weg und verringert den eigenen Stickstoff-Fußabdruck. Für einen genaueren Überblick können Apps wie Planeatery sorgen. Gute pflanzliche Alternativen für genügend Proteine auf dem Teller sind zum Beispiel Linsen, Bohnen und andere Hülsenfrüchte.

Weniger Lebensmittelverschwendung, geringerer Stickstoff-Fußabdruck

Ein weiteres Argument für weniger Fleisch auf dem Teller: Laut einer Studie der Uni Oxford ist es zumindest in Europa in der Regel auch billiger, sich vegan, vegetarisch oder flexitarisch zu ernähren. Außerdem schont es den Geldbeutel und die Umwelt, beim Einkaufen gut zu planen und möglichst keine Lebensmittel schlecht werden zu lassen. Der Stickstoff in Salat, Joghurt und Co. sollte in unseren Bäuchen landen und nicht in der Tonne. 

Podcasttipp
Bei Quarks Storys erzählt Quadriga-Autorin Anne Preger, wie es zu der globalen Stickstoff-Überdosis gekommen ist und wie unter anderem auch die Landwirtschaft nachhaltiger mit der Ressource umgehen kann: Stickstoff: Mangelware im Überfluss

Mobil sein ohne Verbrenner und Energie sparen

Auch wenn unsere Ernährung der größte Hebel ist, um weniger reaktiven Stickstoff freizusetzen, wir können auch anderswo im Alltag aktiv werden. Wer auf Rad, Bus und Bahn umsteigt und aufs Fliegen soweit wie möglich verzichtet, hilft dabei, dass weniger Stickoxide im Verkehr entstehen. Auch der Umstieg von Verbrennermotoren auf Elektroautos hilft, und zwar vor allem dann, wenn das E-Auto mit Ökostrom aufgeladen wird. Denn auch bei der Energie- und Stromgewinnung mit Braunkohle, Steinkohle und Gas, sowie beim Heizen mit Öl und Gas werden Stickoxide frei. Energie Sparen schont deswegen nicht nur das Klima, sondern auch den planetaren Stickstoff-Stoffwechsel.

Inspiration für den Garten

Die bisherigen Tipps kommen Ihnen allzu vertraut vor? Die haben Sie schon gelesen, wenn es darum geht, klimaschonender zu leben? STIMMT! Wer auf kleinerem Stickstoff-Fuß lebt, tut sich und dem planetaren Stoffwechsel in mehrfacher Hinsicht gut. Denn so verringert man gleichzeitig oft auch seinen CO2-Fußabdruck und umgekehrt. Ganz schön praktisch, oder?

Auch der folgende Hinweis schont das Klima mit, schafft es aber vermutlich dann aber doch eher selten in die Top-Ten von Klimaschutz-Ratgebern: Falls Sie einen Garten haben, warum werden Sie beim Düngen nicht mal kreativ? Gartensendungen und -magazine verraten, wie Sie mit verdünntem (!) Urin Ihre Blumen, den Rasen oder Gemüse düngen. Den meisten Stickstoff scheiden wir nämlich über unseren Urin aus, und zusätzlich er enthält auch noch andere wertvolle Pflanzennährstoffe. So können Sie beim energieaufwändig hergestellten Kunstdünger sparen, entlasten die kommunale Kläranlage und leisten einen aktiven Beitrag dazu, den Stickstoff-Kreislauf geschlossen zu halten. Alternativ bietet es sich an, zum Düngen des Gartens Jauche aus Brennnesseln herzustellen. Durch unsere menschgemachte weiträumige Überdüngung der Natur wachsen davon an vielen Wegrändern mehr als genug.

Auf kleineren Pfoten durch den Wald

Auch Haustiere haben einen Stickstoff-Pfotenabdruck. Der lässt sich nicht vermeiden. Aber zumindest Hunde lassen sich Fachleuten zufolge auch mit deutlich weniger und möglicherweise auch komplett ohne Fleisch im Futternapf gesund ernähren (auch ein Thema im Tierisch Menschlich Podcast und bei Quarks), um den Stickstoff-Fußabdruck zu verringern. Wer der Natur und vor allem genügsamen Pflanzenarten in Wäldern und auf Wiesen etwas Gutes tun will, nimmt alle Hundehaufen mit und entsorgt sie im Müll. Denn unsere Begleiter tragen durch ihre Ausscheidungen zur Überdüngung von Naherholungsgebieten bei. Ein Hundehaufen im Wald richtet ökologisch gesehen laut einer Analyse eines Berliner Forschungsteams mehr Schaden an als die Herstellung und Entsorgung der Kot-Plastiktüte.

Über die Autorin Anne Preger

Als Geoökologin fasziniert der planetare Stoffwechsel Anne Preger schon lange. Sie berichtet als Wissenschaftsjournalistin regelmäßig über die Stickstoff-Überdosis und ihre Folgen. Für ihr Buch hat sie unter anderem als Journalist-in-Residence am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin recherchiert, unter anderem dazu, wie Glücksklee, Seevogelschiet und eine folgenschwere Erfindung den Lauf der Geschichte beeinflusst haben.

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